Ungläubiger Thomas

Thomas und der verwundete Gott

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Evangelium vom 2. Sonntag der Osterzeit. Ich mag das Evangelium des Weißen Sonntags sehr! Die Begegnung zwischen Thomas und dem Auferstandenen ist und bleibt für mich ein sehr intimes Bild.  Jesus zeigt Thomas seine Wunden! Er lädt ihn ein, seine Finger und seine Hand in Jesu Wunden zu legen. Wer dem anderen seine eigenen Wunden zeigt, zeigt ihm damit, wer er wirklich ist. Wenn ich meine Finger in die Wunde eines anderen legen darf, dann ist das ein Zeichen großen Vertrauens. Ich berühre “den wunden Punkt”. Bei Jesus sind die Wunden geheilt. Doch sie gehören zu seiner Geschichte. Sie sagen uns, was sein Wesen ist. Und geben gleichzeitig Zeugnis von einem verwundeten Gott.

 

Berührt Thomas oder wird Thomas berührt?

Thomas vermag die Einladung Jesu wohl rasch zu verstehen. Wir erfahren nicht mehr, ob er die Wunden wirklich berührt. Aber er hat verstanden und erkennt die Göttlichkeit in dem Mann, um dessen Menschlichkeit er ja bereits weiß: “Mein Herr und mein Gott!” Alle Enttäuschung, alle Schmach, alle scheinbare Vergeblichkeit und alle Resignation sind aufgehoben in diesem Wort. Von nun an wird Thomas wissen, dass die Wunden dieser Welt nicht davon erzählen, dass wir von Gott vergessen sind! Im Gegenteil: Er wird wissen, dass Gott unsere Wunden kennt, in unseren Wunden mit uns leidet und diese niemals vergessen, sondern verwandelt werden, indem sie Auferstehung erfahren und Heil.
 

Ein seltsames Gefühl

Beim Hineinspüren in dieses Geschehen war es mir, als würde es auch meine Finger in die Seitenwunde hineinziehen. Als berührte ich selbst darin das Herz Gottes und das Herz der Welt zugleich. Mich berührt diese Erfahrung: In untrennbarer Gleichzeitigkeit leuchtet das Leid der Welt darin auf und die Unendlichkeit einer grenzenlosen Liebe. Gott und Welt leben in der Verbundenheit des Einsseins. Gott ist nicht von dieser Welt zu trennen und die Welt nicht von ihm.  Alle Wunden dieser Welt finden sich am verwundeten Herzen Gottes. Mein Gott ist ein verwundeter Gott, ein verletzlicher, der nicht aus Distanz heraus das Leid und die Wunden dieser Welt sieht, sondern sein eigenes Herz verwundet offen hält und im Schmerz der Welt zu Hause ist, damit alle Wunden dieser Welt in ihm ihren Platz und die Gewissheit des Heiles erfahren.
 

Gott ist ein verwundeter Gott

Bei der Recherche im Internet fand ich das Buch des tschechischen Theologen Tomáz Halik „Berühre die Wunden“ (Herder, 2005)  in dem auch er von einer ähnlich bewegenden Begegnung mit dieser Schriftstelle erzählt und zur selben Aussage findet: „Mein Gott ist der verwundete Gott!“ Für Halik werden die Wunden Christi zum Tor der Verwundeten. „Für mich gibt es keinen anderen Weg, kein anders Tor zu IHM, als dasjenige, das von einer verwundeten Hand und einem durchstochenen Herz geöffnet wird. Ich kann nicht mehr rufen ‚mein Herr und mein Gott‘, wenn ich nicht die Wunde sehe, die bis ins Herz trifft … dann muss ich bekennen, dass mein Herz und mein Glaube nur dem Gott gehören, der seine Wunden zeigen kann.“ (Kindley, Seite 15 von 230)
 

In Jesus wird das Wesen Gottes sichtbar

Im Johannesevangelium lesen wir , dass Jesus von sich selbst sagt: “Wenn ihr mich erkannt habt, werdet ihr auch den Vater erkennen …(Joh 14, 7). ” Paulus nennt im Kolosserbrief Jesus “das unsichtbare Bild Gottes” (Kol 1,15). Im Hebräerbrief beschreibt er Jesus als “Abglanz der Herrlichkeit Gottes und Abbild seines Wesens” (Hebr 1,3).
 
Wenn Christus das Abbild Gottes ist, erkenne ich in ihm auch Gottes Wesen. Ich erkenne Gott als einen verwundeten Gott. Dann ist Gott nicht mehr der Unverwundbare, Starre, Unberührbare und Unversehrte, der über allen Dingen thront (geschweige denn, dass er überhaupt thront!), sondern jene große Wirklichkeit, in der alles Leid dieser Welt ein Zuhause hat. Er geht in Christus im Schmerz mit mir,  Seite an Seite und Wunde an Wunde. Er trägt mich in meinem Schmerz aber auch wie der Vater, der sein Kind bergend umhüllt und das Leid seines Kindes auch zu seinem macht.  Alles hat am Herzen Gottes Platz, jeglicher Dualismus ist aufgehoben: Gott und Welt, Himmel und Erde, Liebe und Leid, Licht und Dunkel, Schmerz und Freude. Alles ist in Gott, alles hat seinen Platz, alles ist Aufgabe und Geschenk zugleich.
 

Durch das Tor der Armen und Verwundeten schreiten

“Ich glaube nicht an Götter und ich glaube nicht an Religionen, die diese Welt durchtanzen, ohne von ihren Wunden getroffen zu werden – ohne Schrammen, ohne Narben, ohne Verbrennungen -, damit sie auf dem Markt der Religionen von heute nur ihre glänzende Anmut gefällig zur Schau stellen. Mein Glaube kann die Last der Zweifel nur dann ablegen und die innere Sicherheit und die Ruhe eines Zuhauses nur dann erfahren, wenn er auf dem steilen ‘Weg des Kreuzes’ voranschreitet, wenn er sich durch das schmale Tor der Wunden Christi zu Gott hin ausrichtet; wenn er durch das Tor der Armen, das Tor der Verwundeten schreitet, durch welches die Reichen, die Satten und die Selbstsicheren, die Wissenden und ‘die Sehenden’, ‘die Gesunden’, ‘die Gerechten’, ‘die Weisen und die Vorsichtigen’ nicht gelangen können, so wie kein Kamel durch ein Nadelöhr geht.” (Halik, Kindley Seite 15-16)
 

Die Wunden dieser Welt ernst nehmen!

Ich spüre, wie schwer es mir fällt, diese große Wirklichkeit eines verwundeten Gottes zu verstehen. Sie wird letztendlich nur verstehbar, wenn ich sie ganz herunter breche. Ganz hinein in unser Leben und unser Sein. Gott ist in unseren Wunden, es gibt nichts, das ihm fern und von seinem Heil ausgeschlossen ist. Wir werden unseren Weg nur finden, wenn wir die Wunden dieser Welt ernst nehmen: Unsere eigenen und die der anderen. Die Wunden der Nahen und Fernen, die Wunden der ganzen Menschheit und die Wunden unseres Planeten. In all diesen Wunden berühren wir die göttliche Wirklichkeit eine ganz anderen Gottes, der die Welt mit anderen Maßen misst. Der Verschmähte, Verlachte, Verhöhnte, Erniedrigte ist auferstanden. Er, der in die Wunden der Welt hinabgestiegen ist und immer neu hinabsteigt, er führt uns den Weg der Verwandlung hinein ins Heil. So mein Glaube und meine Hoffnung.
 
In diesem Sinne wünsche ich dir noch einen gesegneten 2. Sonntag der Osterzeit!
 
 
 

Buchnachweis

 
Tomáz Halik, Berühre die Wunden. Über Leid, Vertrauen und die Kunst der Verwandlung, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2013, alle Rechte www.herder.de    
   

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