Ostermorgen

Ostermorgen: Die Liebe sucht

Share on facebook
Share on twitter
Share on whatsapp
Share on email
Ostermorgen. Noch einmal lese ich das Ostergeschehen aus dem Johannesevangelium, das ich sehr liebe. Es wurde erst gegen Ende des 1. Jhdts geschrieben und ist ein mystisches, tiefgründiges, bereits aus dem Abstand heraus verfasstes, deutendes Dokument. Aus dem Rückblick heraus stellt es die Botschaft Jesu theologisch reflektiert in den großen Plan Gottes hinein. Dieser Plan heißt bei  Johannes “LIEBE”. In einfühlsamer Symbolik und wunderbarer Tiefe erzählt es uns heute das Geheimnis des Ostermorgens. Hier findest du das Evangelium.
 

Die Liebe sucht

Letztendlich ist es eine Liebesgeschichte, die uns Johannes erzählt: Die Liebesgeschichte Gottes mit den Menschen als handfest Wirklichkeit und nicht bloß als floskelhaftes “Gott hat uns lieb!”. Gottes Liebe ist in Jesus konkret geworden! Eine Liebe aus Fleisch und Blut sozusagen, durchtränkt von menschlichen Gefühlen und menschlichem Schmerz. Bis in unsere innerste Existenz hinein will Gott uns in unserem Menschsein berühren. Als die, die wir sind. So, wie jeder einzelne von uns ist. Und so, wie wir es verstehen können. So auch an diesem Ostermorgen! Im heutigen Evangelium begegnen uns drei Menschen, die mit Jesus in besonderer Liebe verbunden waren: Petrus, Johannes und Maria von Magdala. Sie hatten ihr Leben in je einzigartigen Liebe an Jesus gehängt und leiden nun in dieser ihrer einzigartigen Weise. Und so wachsen sie auf verschiedene Weise in das Ostergeheimnis hinein.
   

Naturgemäß zieht es mich als Frau in meiner Art des Liebens in die Rolle der Maria von Magdala. Ich finde mich in ihr wieder und gehe mit ihr meinen eigenen Auferstehungsweg. 

 

Amt und Liebe

Nachdem Maria von Magdala den Aposteln die Nachricht vom leeren Grab übermittelt hat, laufen Petrus und Johannes zum Grab. Die Liebe treibt sie an. Es hört sich fast nach einem Wettlauf an. Petrus ist nicht so schnell wie Johannes. Vielleicht, weil er älter ist? Jedenfalls braucht er länger! Nicht erst an diesem Ostermorgen. Es scheint, er kommt mit dem Prüfen und Verstehen des Geschehenen noch nicht nach. Schwer drückt ihn die Last der letzten Tage. Er hat seinem Freund die Treue versprochen bis in den Tod hinein, und war zu feige, dieses Versprechen zu halten. Er hat versagt. Gewaltig sogar! Während Jesus sterben musste, lebt er. Lebt mit der Last, seinen Freund verleugnet und im Sterben allein gelassen zu haben. Sein übliches Modell der Problemlösung hat nicht funktioniert. Ganz und gar nicht. Petrus wollte mit dem Schwert dreingeschlagen und seinen Herrn im Kampf verteidigt bis zum letzten Tropfen Blut.
 

Die Ohnmacht überlieferter Männerrollen

Aber da war kein Kampf. Da war keine Gewalt. Alles war so still. So ergeben. So ohnmächtig. Dieser Situation war der starke Petrus nicht gewachsen. Darin ist er uns Bild für so manche überlieferte Männerrolle. In der Ohnmacht, im Stillen, im Bereich der Gefühle fehlen die Muster, die Erfahrungen, kommt die Hilflosigkeit. Wie gehe ich damit um, wenn ich nicht anpacken, kämpfen oder dreinhauen kann? Das männliche Prinzip versagt, wo die Liebe nach ihrer tiefsten und innersten Erfüllung ruft. Auch jetzt. Am leeren Grab. Johannes lässt ihm den Vortritt. Petrus geht ins Grab und betrachtet, analysiert, visitiert, nimmt alles wahr, registriert selbst die Kleinigkeiten: Die Leinenbinden, das Schweißtuch, “das nicht bei den Leinenbinden liegt …”  Johannes berichtet von keiner Reaktion des Petrus. Dieser stellt nur fest.
 

Manchmal braucht es Zeit

Mehr geht in der Situation anscheinend nicht. Nichts deutet darauf hin, dass er zum Glauben gekommen ist. Petrus repräsentiert in dieser Rolle zuerst das Amt, nicht die Liebe. Er braucht das Untersuchen, das Abwägen. Er muss prüfen. Bis in die letzten Kleinigkeiten hinein. Er kann schwer mit dem Neuen und Ungewohnten umgehen. Er braucht Zeit. Und er bekommt Zeit. Gott hat Geduld. Auch Petrus kommt zum Glauben. Halt ein bisschen später.
 

Ungeduldige Liebe

Die Liebe des Johannes hingegen ist ungeduldig. Wir spüren ihn, den Lieblingsjünger, der als erster beim Grab eingetroffen ist, schon ungeduldig am Eingang des Grabes stehen. Wir spüren fast sein Herzklopfen, seine frohe Erregung, sein Aufatmen und Jubeln. Bereits bei seiner Ankunft hat er einen kurzen Blick ins Grab geworfen. Als er nach Petrus das Grab betritt, heißt es nur schlicht: Er sah und glaubte. Er scheint weder überrascht noch überwältigt. Was er geglaubt und in seinem Herzen erhofft hatte, ist Wirklichkeit geworden.
 

Sie sucht den, den ihre Seele liebt

Viel vielschichtiger ist die Begegnung von Maria von Magdala mit Jesus an diesem Ostermorgen. Sie gleicht der Braut aus dem Hohelied der Liebe, die frühmorgens aufgestanden ist, um den zu suchen, den ihre Seele liebt. (Anselm Grün). Als Liebende will sie bei Jesus sein. Maria spricht nicht vom Leichnam, sondern vom Herrn. Als tiefliebende Frau bleibt Maria ihren Gefühlen treu! Dem Wesen der Frau nach kommt sie ihrer sehnsüchtigen Suche, ihrem Fragen und Dranbleiben ans Ziel. Während die Männer das Grab inspiziert haben, steht sie vor dem Grab und weint und gibt darin ihrer Trauer und ihrem Schmerz Raum. Erst nachdem Petrus und Johannes nach Hause zurückgekehrt sind und sie alleine ist, beugt sie sich ins Grab hinein. Da tut sich auf fast menschliche Weise ein Stück Himmel auf. Ganz konkret, leise und zart und dennoch so wirklich wie die aufgehende Sonne.
 

Aus der Liebenden wird eine Sehende

Aus ihr, der Liebenden, wird eine Sehende. Maria sieht zwei Engel in weißen Gewändern im Grab sitzen, die ihre Trauer wahrnehmen. Sie fragen nach und lassen sich erzählen: „Warum weinst du?“ Im Aussprechen ihrer Trauer wendet sich Marias Blick wieder nach draußen, aus dem Grab heraus. Maria dreht sich um und sieht dort draußen Jesus stehen. Doch sie erkennt ihn noch nicht, sondern hält ihn für den Gärtner. Erst als Jesus ihren Namen ausspricht, trifft es sie ins Herz. “Maria”. Noch einmal erzählt Johannes, dass sich Maria umdreht. Er will damit wohl ausdrücken, dass sich in Marias Herzen und Denken noch einmal etwas wendet und wandelt. Dann erkennt sie Jesus: “Rabbuni – Meister!”. Sie, die Liebende, wird neu ergriffen und hat begriffen. Aus dem Herrn wird der Meister, der lebt.  
Der Tod ist die uns zugewandte Seite jenes Ganzen, dessen andere Seite Auferstehung heißt.
Romano Guardini

Halte das Alte nicht fest

Maria möchte an diesem Ostermorgen Jesus sicher umarmen, doch Jesus weist sie zurück: „Halt mich nicht fest, Maria“. In diesem Moment weiß Maria, dass alles anders wird und die Liebe dennoch bleibt, so wie auch Jesus bleibt: anders, neu, unsterblich. “Sag es den Brüdern, Maria! Auferstehung ist geschehen!” Maria, die Jünger und viele andere werden noch weitere Zeichen sehen. Auch uns sind Zeichen und Wunder geschenkt sind, die uns in unserer je eigenen Weise zum Glauben einladen. Wohl nicht genauso wie Petrus, nicht genauso wie Johannes oder Maria von Magdala, sondern so, wie es zu uns passt und wie wir es annehmen können als die, die wir sind. Mit dem, was wir brauchen, um zum Sehen, zum Glauben und zur Erfüllung der Liebe zu gelangen.
 

Ostermorgen – es gibt kein Zurück

Auferstehung geht immer in die Zukunft hinein. Es gibt kein Zurück. Nicht nach dem Tod eines lieben Menschen, nicht nach schweren Krisen und auch nicht nach den derzeitigen Corona-Zeiten. Das Leben ist nach vorne gerichtet und jedes Sterben ist ein Sterben in die Zukunft hinein. Einer Zukunft, die Neues mit sich bringt und in die uns der Auferstandene selbst führt. Es ist Ostermorgen. Neues bricht an – auch für dich!
 
Ein gesegnetes Osterfest und eine gute Zukunft wünscht dir
 
         

Beitrag kommentieren: